Wolgast ist immer für eine Überraschung gut. Hunderte Einheimische und Gäste ließen sich am Sonnabend zur Langen Nacht der Denkmäler und Museen in die Altstadt locken, um Neues aus Wolgasts bewegter Historie zu erfahren. Sie wurden nicht enttäuscht. Mit Stadtführern oder individuell erkundeten sie Häuser und Gassen sowie Innenhöfe und Dachböden, die gemeinhin für den Publikumsverkehr gesperrt sind. Sogar Neugierige im gesetzten Alter erklommen Stiegen, Treppen und Leitern, um sich auf uralten Böden umzusehen. Unter dem Dach der Getrudenkapelle - nur über eine 33-stufige Wendeltreppe und acht Leitersprossen zu erreichen - wurde die wissensdurstige Schar von Bauforscher Jens Ch. Holst aus Stralsund in einem komplexen Fachwerk aus Eichen- und Kiefernstäben empfangen. 1420, das haben dendrologische Untersuchungen des Holzes ergeben, wurden diese Eichen geschlagen. 1421 ist das Dach gerichtet worden, erklärte der Experte, der die Kapelle 2008 eingehend
untersucht hat. Herzog Bogislaw der X., wie seit Jahrhunderten gemutmaßt, könne also nicht der Auftraggeber zum Bau von St. Gertrud gewesen sein, da dieser erst um 1490 von seiner Jerusalem-Wallfahrt an den Peenestrom heimkehrte. Alles spreche heute dafür, das Erich von Pommern Initiator des Baus war, zumindest aber dafür gesorgt habe, dass das Gebäude 1425 seinen Dachreiter erhielt. Die Mitwirkenden nutzten viele Genres, um Bemerkenswertes aus Alt-Wolgast zu präsentieren. Im Innenhof der Stadtapotheke herrschte Gedränge, als die Theatergruppe Spieltrieb auf humorvolle Art das Wirken des berühmten Apothekers Theodor Marsson in Szene setzte, der hier 1896 seine Flora von Neuvorpommern und den Inseln Rügen und Usedom verfasste. An vielen Stätten in der Stadt wurde musiziert, Gaumenfreuden gestillt, vorgelesen, geklönt...Eine tolle Aktion, die großes Lob erntete, verbunden mit dem Wunsch nach Wiederholung.
Auszug aus: T.S. / OZ 24.08.2009