Gastgeber in historischem Zwirn

Die Stadt Wolgast lud am Sonnabend zur langen Nacht der Denkmäler und Museen ein. Interessierte pendelten zwischen Schlossinsel, Kirche, Mühle am Paschenberg oder städtisches Museum.

Die Plätze waren bei der Lesung im Innenhof Biedenweg begehrt. Fotos: cs„Das wird ein Feuerhaken“, vermutete Iris Fügemann, als Alexander Kargoll mit schweren Schlägen einen glühenden Eisenstab formte. Der „Schmied aus Karlshagen“ stand umringt von Zuschauern in der alten Scheune in der Wilhelmstraße 44, das Schmiedefeuer hinter ihm lodert unternehmungslustig. „Brauchen Sie einen?“ fragte er und schon wenige Minuten später hielt die überraschte Hohendorferin das fertige Stück in Händen. Ein außergewöhnliches Andenken an diese lange Nacht der Denkmäler und Museen in Wolgast, die einen Abend lang den Flair einer belebten Sommernacht über das Städtchen am Peenestrom legte.
Schon diese Kittendorfer Schiede lieferte an sich Programm für einen ganzen Abend, auch dank der Theatergruppe Spieltrieb, die hier getreu dem Motto „Romanik, Realismus, Revolution“ in die Franzosenzeit zurückführte. So manch einer blieb auf dem gemütlichen Hof länger als er es sich angesichts des proppevollen Veranstaltungskalenders hätte leisten können. Denn es ging sehr unterhaltsam zu in und vor der verrußten Wirkungsstätte des alten Schmiedes. Tiefbauingenieur Lutz Waschow hatte im Angedenken an seinen Schwiegervater die Tore noch einmal geöffnet, so dass viele so begeistert wie Till, Michel, Matti und ihr Vater Hartmut Köhler sehen (und hören!) konnten, wie noch bis 1993 hier Nägel oder Hufeisen geschmiedet wurden. Was hier alles über den Amboss lief: Fenstergitter fürs Wolgaster Gericht, Eisäxte für die Stralsunder Werft und Vorderfedern für den Trabbis allerorten — der Blick in die Auftragsbücher von 1983 lieferte so einigen Gesprächsstoff. „Es wäre ein Jammer, wenn das nicht erhalten bleibt!“, bedauerten viele. Trauriges Schulterzucken bei Lutz Waschow. Wohnhaus und Scheune stehen derzeit zum Verkauf.
Klaus Plötz (l.) bei seiner Führung über den Getreidehandel als Basis für den Reichtum einiger Wolgaster Familien im 19. Jahrhundert. Fotos: csDoch auch das Weitergehen lohnte sich: elf Veranstaltungsorte warteten noch. Vom Stadtmuseum bis zum Rungehaus, von den Kunstgalerien bis zum Fährschiff. Bewegung überall, Menschen, sogar in Kutschen, wohin der Fuß sich wendete — das war das Schöne wie Ungewohnte dieses Abends. Zwischen Schlossinsel und Kirchturmspitze, der Gertrudenkapelle und der Mühle am Paschenberg — überall die bunten Menschengruppen, die interessiert all das Wissenswerte aufsaugten, dass ihnen so üppig geboten wurde. „Ich freue mich, dass nicht nur Gäste, sondern auch Einheimische zuhören“, sagte Klaus Plötz, der in historischem Zwirn und mit Feuereifer Führungen über den Getreidehandel des im Fokus stehenden 19. Jahrhunderts veranstaltete. „Es kommt ja auch darauf an, ein bisschen den Stolz zu vermitteln, den wir auf Wolgast ruhig haben dürfen!“, meint er. Auch Anne Börnert, Wolfgang Hempel und Karin Braun waren bei ihren Stadtführungen von viel Publikum umlagert.
„Ich habe mich besonders auf diese wunderschönen Innenhöfe bei Biedenwegs gefreut“, sagte Barbara Thurow, die mit ihrer Familie zu Sekt und Schmalzbrot einen Zwischenstop in der ruhigen Oase einlegte. Perfekte Atmosphäre boten die sonst nicht öffentlich zugänglichen Höfe auch für die musikalische Poesie-Lesung von der Buchhandlung Henze mit Gerda Wilß und Annette Richter (Gitarre).
Live-Musik vom 1. Pommerschen Blasorchester lud auch auf dem Marktplatz zum Verweilen ein. Den Veranstaltern, deren liebevolle Vorbereitung sicher noch viel mehr Publikum verdient gehabt hätte, gelang eine reizvolle Mischung zwischen wissensvermittelnden und einfach „nur“ entspannenden Angeboten. Schade nur, dass es wohl niemandem gelang, alles in dieser Nacht zu erleben?

Quelle: OZ | 22.08.2011 | Christine Senkbeil

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