Nachtwandeln auf Wolgaster Dachböden

Ob Runge Haus oder Petri Kirche, in der Langen Nacht der Museen gibt es selbst für Wolgaster immer wieder etwas Neues zu entdecken. Erik strahlt. Schon vor Beginn des neuen Schuljahres hat er die erste symbolische Eins mit Sternchen eingeheimst. Denn er gehörte mit seiner Schwester nicht nur zu den aufmerksamsten Zuhörern auf dem Boden des Rungehauses, sondern kam auch mit seiner Erklärung für den schiefen Schornstein auf Anhieb der richtigen Antwort sehr nahe. Im Barock waren die Menschen so eitel, dass sie den perfekten Gesamteindruck ihrer Häuser nicht getrübt sehen wollten. Daher mussten auch die Schornsteine auf dem Dach symmetrisch angeordnet werden, erläuterte Dr. Anne Börrnert, die sich seit ihrem Studium intensiv mit der Dachkonstruktion beschäftigt hat. Bei einem kerzengeraden Schornstein hätte der Ofen jedoch genau im Ehebett der Eltern Runge stehen müssen, damit seine Position die Symmetrie zum Küchenabzug währt. Deshalb kam es zu dieser abenteuerlichen Konstruktion. Alle 20 Minuten führte Anne Börrnert bei der Wolgaster Langen Nacht der Denkmäler und Museen Gruppen von jeweils zehn Leuten auf die sonst geschlossenen Dachböden des Museums, um ihnen die kleinen Geheimnisse des Hauses zu zeigen, zu denen auch der immer noch funktionierende Lastenaufzug auf dem einstigen Getreideboden gehört. Stärken konnten sich die Besucher unten mit Runges Lieblingssuppe

und fast alle schauten gleich noch in die Werkstatt von Metallrestaurator Wolfgang Hofmann, der spannend von seiner Arbeit erzählte. Da Petrus es ausgesprochen gut mit den Nachtschwärmern meinte, legten viele zudem eine kleine Pause bei einem Glas Wein auf dem Innenhof ein. Diese Oasen hinter den Mauern der Häuser waren neben den Dachböden der zweite Schwerpunkt der diesjährigen Langen Nacht und sorgten selbst bei alteingesessenen Wolgastern für so manches Aha-Erlebnis. Trotz der lauschigen Atmosphäre, zu der oft auch Live-Musik gehörte, hielt es die meisten jedoch nicht allzu lange auf ihren Plätzen. Schließlich lockten noch die kurzen Theaterstücke der Gruppe Spieltrieb, Stadtrundgänge oder Kutschfahrten. Als Publikumsmagneten erwiesen sich erneut die Getrudenkapelle und die Petri-Kirche. So bildeten sich teilweise vor dem engen Aufstieg aufs Dach der Getrudenkapelle lange Schlangen. Denn jeweils nur 15 Leute durften gemeinsam nach oben, um den Ausführungen von Bauforscher Jens Holst zur Geschichte des historischen Kleinods zu lauschen. Insgesamt zwängten sich rund 300 Interessierte die engen Treppen hinauf und hinab. Noch weit mehr bestiegen den Turm der Petri Kirche oder ließen sich von Ulrich Kober bei zwei Führungen über die Gewölbe und zu den Glocken des Gotteshauses führen. Den Schlusspunkt des Abends setzte dann das erste kleine Konzert der neuen Kantorin Maria Uhle an der Sauer-Orgel.

Ola Minkenberg / 24.08.2009 Usedom Kurier

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