Mehrere der Turbulenzen im Leben von Shraga Har-Gil und Ulla Gessner hängen unmittelbar mit dem Schicksal beziehungsweise den Handlungen ihrer Eltern zusammen. Gestern gaben die seit einigen Jahren in Israel lebenden Eheleute in Wolgast vor Regionalschülern der 9. Klassen Einblick in ihre Biografien, die sich auf einprägsame Weise überlagern. Shraga Har-Gil wurde als jüdisches Kind bereits im Kindergarten diskriminiert. Ich durfte nicht mittanzen, nur klatschen. Als ein Gruppenfoto gemacht wurde, wurde ich von meiner Kindergärtnerin umgedreht, berichtete er. Das besagte Foto ist über dem Titel des Buches Alte Liebe rostet nie abgedruckt, in dem Journalist Har-Gil seine Kindheitserinnerungen niederschrieb. Die Schilderungen des 83-Jährigen waren schon fast vorbei, als seine Frau
Ulla Gessner ihrerseits von ihrem Vater zu erzählen begann. Diesen kannte sie kaum, erforschte aber, getrieben von steter innerer Unruhe, dessen Vergangenheit. Dabei fand sie heraus, dass der Vater während des Krieges in der Mark Brandenburg eine Kupferschmiede betrieb, in der auch Gasbehälter für Ausschwitz produziert wurden. Lange habe sie den Rat befolgt, in Israel von diesen Fakten zu schweigen. Bis Dokumentarfilmemacher Amir Har-Gil, der Sohn ihres Ehemannes, ihr mit journalistischem Gespür die brisanten Informationen entlockte, um diese in einem 2004 gezeigten Film zu verarbeiten. Die Angst, in Israel würde man mir nun etwas antun, war unbegründet, so Ulla Gessner. Man sagte mir: Dein Vater hatte sein Leben und Du Deines.
Auszug aus: T.S. / OZ 13.05.2009